Charles Fourier
Der Liebhaber unserer Träume
(Oder war es der Ökonom? Wenn ja: so lautete der Titel berichtigt: Sex sells)
Charles Marie François Fourier wurde am 7. Februar 1772 in Besançon als Sohn des wohlhabenden Tuch- und Gewürzhändlers Charles Fourrier geboren - und verstarb am 9. Oktober 1837 in Paris. Über seine Geburt ist nichts Erwähnenswertes bekannt, über seinen Tod immerhin soviel, dass ihn seine Wirtin zwischen seinen geliebten Blumentöpfen fand, im Gehrock, aber kniend, in einer betenden Stellung geradezu. Es ist schwer zu sagen, ob ihn jemand wirklich vermisste. Er hinterließ weder Kinder noch Frau, nur Papier. Riesige Stöße von Papier. Oder genauer: Träume aus Papier. Träume, die so anstößig waren, dass selbst seine Schüler, die seine ökonomischen Phantasien in die Welt umsetzen wollten, sich beeilten, diese anstößigen Passagen zu unterdrücken. So gab es in Anbetracht seines Todes nichts anders zu vermelden als: »Es ist klar, dass Fourier nicht mehr nützlich war«, oder: »Sein Tod ist für seine Doktrin weder Herzensschmerz noch Unglück.«
Das Leben dazwischen vollzieht sich - nun ja, still. Und abseits von der großen Welt, in der Provinz. Darin liegt eine gewisse Zwangsläufigkeit. Denn zwischen dem, was der phantasierende Geist ersinnt und dem, was ihm in der Wirklichkeit zuteil wird, liegen Welten. Er wohnt allein oder quartiert sich für Phasen des Schreibens bei einem Schüler oder einer Schwester ein. Ansonsten bewohnt er bescheiden möblierte Zimmer, die sich zu Gewächshäusern verwandeln (wie seine Utopien überhaupt den Blumen gelten: wie er neue Gattungen züchtet und sich , in der Idealgesellschaft Gruppen von Hyazinthenzüchten, Rosisten usf. vorstellt). »Das Zimmer war immer voller Blumen und Gewächse, nur zwischen Tür und Fenster war ein schmaler Pfad gelassen.«
Heinrich Heine, der ihn im Pariser Exil beobachtet, schreibt: »Wie oft sah ich ihn in seinem grauen, abgeschabten Rocke längs der Pfeiler des Palais Royal dahinschreiten, die beiden Rocktaschen schwer belastet, so dass aus der einen der Hals einer Flasche, und aus der anderen ein langes Brot hervorguckte. Einer meiner Freunde, der ihn mir zuerst zeigte, machte mich aufmerksam auf die Dürftigkeit des Mannes, der sein Getränk beim Weinschank und sein Brot beim Bäcker selbst holen musste.«
Die Genüsse sind bescheiden: ein morgendliches Glas Weiswein, eine Limonade, eine Partie Domino - und die Erinnerung an den Luxus: der Besuch auf dem Blumenmarkt. Dass er besonderes Gefallen an Menschen gefunden habe, ist nicht bekannt. Erst im Alter von fünfunddreißig Jahren, so schreibt er selbst, habe er begriffen, dass seine eigene Obsession die lesbische Liebe sei. Auch hier, wie man sieht, steht der Utopist auf verlorenem Posten.
Der Vater stirbt früh. Vielleicht ist ein Art nachträglicher Rachsucht, die den Sohn seinen Namen ändern lässt, die aus dem Fourrier (also dem Unteroffizier, der den Tieren die furage, das Futter besorgt), Fourier macht. Aber auch die Mutter hat ihm nicht viel zu geben. Denn der Knabe, der ein humanistisches Gymnasium besucht, Latein und Griechisch lernt, der sich für Musik und Geographie begeistert, wird von der geizigen Mutter für den Kaufmannsstand ausersehen. Träumt er von Kunst und Wissenschaft, er wird als Lehrling nach Lyon und Rouen geschickt. Was er mitnimmt, ist den Hass auf alte Städte (Rouen), auf Kröten, Raupen und Spinnen. Also desertiert er, verlässt die Lehrstelle in Rouen, aber wird nach Lyon gesteckt. Dennoch: es gibt eine Art Erweckung. Das ist die Stadt Paris, das vorrevolutionäre Paris wohlgemerkt, wo er die Lichter der Großstadt und Genüsse der Welt erlebt, insonderheit die königlichen Gärten, die Parks, das Palais Royal. Nicht zufällig wird das Phalansterium, das er ersinnt, nach dem Bilde dieses Schlosses gebaut sein. Es ist das Leben als luxurierendes Kaufhaus, als Oper, als Wunschmaschine und Gesamtkunstwerk.
Aber diese Tage sind nur ein Schimmer, eine Vorspiegelung fernen Glücks. Was er mitnimmt aus dieser Jugend, ist Hass - ein Hass, der sich in seinen Werken als absoluter Riss äußert. Wäre der Fouriersche Geist, als Säuberungsmaßnahme, auf die Welt niedergekommen: er wäre nichts anderes gewesen als die Vernichtung der Zivilisation. Die Bibliotheken, die Religionen, der Händlergeist, das Tauschsystem, die Juden, die Chinesen, die Ehe: all das wäre, ohne ein Wort des Bedauerns, dem Fourierschen Furor zum Opfer gefallen. Wie die Selbstmystifikation es will, ist schon der siebenjährige Knabe dazu berufen, der Welt den Krieg zu erklären. Denn als ein Kunde ins väterliche Geschäft kommt, klärt ihn der wohlmeinende Knabe darüber auf, dass er betrogen werde - was ihm eine Tracht Prügel einbringt. Und in ihm dem Vorsatz verankert: »Ich schwöre ewigen Hass dem Handel.« Aber vor allem hasst er die Philosophen, die all die Machiniationen und Verfälschungen der Gesellschaft schönreden. Das Paradoxe freilich ist: das System, das er vorsieht, gründet auf Liebe.
Während in Frankreich die Revolution ihren Lauf nimmt, geht der achtzehnjährige auf Reisen - nach Deutschland, Holland und Belgien. Er kommt heim und lässt sich als Handels-Kommis in Lyon nieder. Freilich: hier erlebt er soetwas wie eine Revolution gegen die Revolution, den Aufstand des Lumpenproletariats gegen den Händlergeist - ein Aufstand der Deklassierten, die vielleicht Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit einklagen können, aber doch ohne das Recht auf Arbeit, auf jenes Lebensminmum, das doch erst in den Stand setzt, die bürgerlichen Rechte genießen zu können. In gewisser Hinsicht wiederholt sich in der Revolution die Situation des Kindes im Kaufmannsladen, nur in vergrößertem Maßstabe. Und so schwört Fourier auch der Revolution ewigen Hass - und kämpft auf Seiten der Föderierten, die freilich der Übermacht des Konvents nicht lange standhalten können. Mit falschen Papieren ausgerüstet, flieht er nach Besançon, wird dort inhaftiert - und kommt nur über die Fürsprache seines jakobinischen Schwagers wieder frei. 1794 wird Fourier im Zuge der Massenkonskriptionen zum Militär eingezogen - und geht mit dem achten Kürassierregiment an den Rhein. 1796 kehrt er heim - freilich nur um zu erleben, dass ein Onkel einen Teil des ihm anvertrauten Vermögens verspekuliert hat.
Irgendwann, in dieser Zeit, muss die utopische Maschinerie in seinem Kopf zu arbeiten beginnen. Vielleicht ist eine der ersten Impulse eine Fahrt nach Paris, wo der 25-jährige Pläne zur Modernisierung der Armee vorlegt. Überflüssig zu sagen, dass seine Pläne höflich, aber bestimmt abgewiesen werden. Vielleicht aber ist es auch der Bankrott 1799, der sein ohnehin schon reduziertes Vermögen durch den Verlust eines Schiffes auf den Nullpunkt bringt - auf jeden Fall gibt er seine Stellung als Handelsgehilfe auf, zieht nach Paris, um in Kunst und Wissenschaft eine neue Bestimmung zu finden. Geldmangel freilich zwingt ihn zurück nach Lyon, wo er seine ersten Texte veröffentlicht (die sogleich die Zensur auf den Plan rufen). Vielleicht ist es aber auch die Lehre eines Mannes, der damals als philosophe incunnue von sich reden machte: Louis Claude de Saint-Martin, dessen erstes Werk L’homme de desir ein Fouriersches Leitmotiv vorwegnimmt: nämlich dass es das Begehren ist, das die Welt antreibt. Auf jeden Falle breitet sich hier jenes sonderbare mystisches Imbroglio vor, das sich in seinem ersten großen Werk artikuliert: Die Theorie der vier Bewegungen (Theorie des Quatre Mouvements).
Wie geht man um mit dem absoluten Nullpunkt? Wie geht man um mit einem Nullpunkt der bereits Geschichte ist? Hat nicht Descartes schon den absoluten Zweifel ins Denken eingeführt? Hat nicht Rousseau seine Confessions mit den Sätzen begonnen: »Ich habe ein Werk begonnen, das ohne Beispiel ist und dessen Ausführung keinen Nachahmer finden wird. Ich werde meinen Zeitgenossen einen Menschen in seiner wahren Natur zeigen - und dieser Mensch werde ich sein.« Das ist die Attitüde, der Stil und der Anspruch Fouriers - nur hat sich derselbe in diesen teils bewunderten, teils verhassten Vorläufern erschöpft. Schon das Projekt Saint-Martins, der sich zum namenlosen Philosophen machen machte, war eine nicht mehr zu überbietende Geste. Die Antwort, die Fourier darauf findet, ist ein Radikalismus ohne Beispiel. Eine Art Verpflichtung zur Unverschämtheit. Wie der Schöpfer, der seine Schöpfung betrachtet, betrachtet Fourier die Zivilisation - aber muss konstatieren, dass sie nicht gut ist. Folglich muss sie von Grund auf bezweifelt - und anders gedacht werden. »Ich habe mir«, so schreibt er, »in meinen Studien den absoluten Zweifel und den absoluten Riss zur Regel gemacht.« Vor diesem Prospekt versteht es sich fast von selbst, dass Fourier keine Vorläufer kennt - ja, dass er selbst zu seinen späteren Anhängern kein wirkliches Verhältnis aufbauen kann. Mit Erbitterung bekämpft er nur die utopistischen Rivalen, den Herzog von Saint-Simon und Owens, die er beide der Scharlatanerie bezichtigt, der Angeberei und des Plagiats. Dies freilich ist einem späteren Stadium seiner eigenen Lehre vorbehalten. Als er sich an sein erstes großes Werk macht: Die Theorie der vier Bewegungen, ist er fest davon überzeugt, dass man sein Genie unverzüglich anerkennen wird.
„Ich allein habe mit 2 Jahrtausenden politischen Stumpfsinns aufgeräumt, und mir allein verdanken die jetzigen und künftigen Generationen ihr Glück.“
Wie Rousseau, der nach Paris fährt und seine Confessions einem X-Beliebigen in die Hand drückt (in der Hoffnung, dass das Ungeheure des Textes erkannt wird), wird die Theorie der vier Bewegungen unter falschem Namen und falschem Druckort (Leipzig) veröffentlicht. Aber der Erfolg bleibt aus. Trotz der Bemühungen der Freunde bleibt das Werk ungelesen. Für die Nachwelt freilich ist es - neben der Neuen Liebeswelt - das Merkwürdigste der Fourierschen Werke. Denn das Fouriersche Universum (das Biversien, Triversien usf. kennt) beginnt mit leuchtenden Farben. Nach der Abschaffung der ›Zivilisation‹ beginnt eine neue Ära: Konstantinopel wird zum Zentrum der Welt, über der Nordhalbkugel spannt sich eine klimatische Glocke, es kommt zur Schmelzung der Polkappen, klimatischen Veränderungen, die Weltmeere nehmen einen limonadeartigen Geschmack an. Die Fährnisse der Natur werden überwunden: So wird der Hai durch einen Anti-Hai, der Löwe durch einen Anti-Löwen ersetzt, der zugleich als Reittier dient. Taugen derlei Gemälde trefflich dazu, den Verfasser als Irren zu verspotten, so liegt in diesem Menschenbild des universalen Klimatechnikers eine innere Logik. Denn anders als seine Vorgänger insistiert Fourier nicht auf einem wie auch immer gearteten Naturzustand. Im Gegenteil: Er träumt von den künstlichen Paradiesen, dem Luxus, der Fabrikation des Glücks.
In der bizarren Logik von Hai und Anti-Hai liegt eine Erkenntnis des Fourierschen Denkens, über die sich schließlich ein reisiger Wust von Papieren erheben wird, eine Erkenntnis, die seine Schüler zugleich faszinieren und (ihrer Radikalität wegen) abstoßen wird. Noch Marx und Engels, die Fourier als Vorläufer und revolutionäre Batterie vereinnahmen, werden hinter diesen Punkt zurückfallen. Es ist die Fouriersche Erkenntnis, dass 1. alle Wertschöpfung nicht in den Dingen, sondern im Menschen liegt, und 2. dass in der Welt der Empfindungen die starken Gefühle einander auslöschen - und damit in ein Gleichgewicht bringen. Ökonomie ist für Fourier vor allem - Libidoökonomie. Dabei gibt es kein Gut und kein Böse, sondern nur das Spiel von Angebot und Nachfrage. Wenn die Gesellschaft pervertiert ist, so deswegen, weil ein Trieb seinen Konterpart nicht gefunden hat. Fourier gibt dabei ein Beispiel:
[. . .] Die alternde Moskauer Fürstin Strogonoff war eifersüchtig auf die Schönheit einer ihrer jungen Leibeigenen; sie ließ sie foltern und quälte sie eigenhändig mit Nadeln. Was aber war das wahre Motiv ihrer Grausamkeiten? Aber war es wirklich Eifersucht? Nein, es war lesbische Liebe. Besagte Dame war eine Lesbierin, ohne es zu wissen, und in Liebe zu jener schönen Leibeigenen entbrannt, die sie foltern ließ und dabei selbst Hand anlegte. Hätte irgend jemand die Fürstin Strogonoff über ihre lesbischen Gefühle aufgeklärt und die Aussöhnung zwischen ihr und dem Opfer betrieben, dann wären diese beiden Personen leidenschaftliche Liebhaberinnen geworden; aber die Fürstin verfiel ahnungslos in die entgegengesetzte, zerstörerische Leidenschaft. Sie quälte die Person, derer sie sich hätte erfreuen können, und ihre Wut war um so größer, als der Stau von dem Vorurteil herrührte, das der edlen Frau das wahre Ziel ihrer Leidenschaft verbarg und dieser sogar einen ideellen Aufflug versagte. [..]
Liest man, was Freud über die Verneinung und die Paranoia geschrieben, kann man nicht umhin, in dieser Deutung Fouriers eine Art Intuition, eine tiefe Einsicht in das Wesen der Verdrängung zu sehen. Freilich ist der Schluss, den Fourier daraus zieht, wiederum höchst typisch für den Vernunftglauben des 19. Jahrhunderts. Denn er ist davon überzeugt, dass eine (wenn man so will) bessere Gefühls-Logistik dazu führen würde, den Begierden zu ihrem Recht zu verhelfen. Genau dies ist die Aufgabe der Sozialwissenschaft, die ihm vorschwebt, ist die Aufgabe, die ihm, dem Erlöser, zufällt. Nun ist die Ökonomisierung der Empfindung keineswegs eine Erfindung, auf die Fourier allein ein Patent hätte anmelden können. Schon Benjamin Franklin verfällt in seiner Dissertation on Necessity and Pain (1719) auf den gleichen Gedanken. Neu an Fourier ist der Umstand, dass er diesen Glaubenssatz als präzise Wissenschaft nimmt. Nicht von ungefähr stellt er das eigene Denken als Vervollkommnung der Newtonschen Gravitationslehre dar. Auch in der Psyche herrscht eine Form der Gravitation: Anziehung und Abstoßung. Man könnte sagen: Fourier betritt nicht den Kontinent der Psyche und der Psychologie, sondern er entwickelt eine Psychologistik. Hier kommt ihm das mystische Instrumentarium Sanit-Martins zupass (in dem ja, mehr oder minder opak, die mystische Tradition eines Meister Eckhart, oder eines Jakob Böhme pulsiert). Wenn Gott, so lautet der Gedankengang, den Menschen Begierden und Triebe eingegeben hat, so können sie nicht falsch sein. Wenn Sie pervertieren, so nur, weil die Triebe nicht eingelöst werden - weil sie stattdessen unterdrückt oder in religiöse Surrogate umgefälscht werden. Das Dilemma der Zivilisation besteht folglich darin, nicht zuviel, sondern zuwenig verlangt zu haben, dass man also den Begierden einen viel zu kleinen und falschen Platz in der Gesellschaft zugewiesen hat.
Finden Sie einander, oder konkret: findet die Fürstin Strogonoff eine Dienerin, die ihr mit Lust und Devotion ergeben ist, so herrscht eitel Harmonie. Alles dreht sich um diese Frage. Die soziale Utopie, die Fourier in seinen Phalangen entwirft, ist in diesem Sinne, höchst präzise: eine Libidoökonomie. Weil es in der permissiven, zu ihren Gelüsten befreiten Gesellschaft keine Perversion mehr gibt, besteht die Aufgabe darin, die Triebe luxurieren zu lassen, sie immer feiner, immer subtiler zu elaborieren. Selbst das Inzest ist hier nicht, wie in unserer Zivilisation, ein Tabu, sondern ein besonders seltener, also wertvoller Trieb.
All diese Konstellationen (und noch viel mehr) beginnen Fouriers Geist zu bevölkern, bauen sich zu einem gigantischen System des garantierten Vergnügens auf, dem, was er die Phalanx nennt. Man kann sein System als eine Aberration der Vernunft deklarieren, es ist gleichwohl (wie vielleicht nur das Gebäude, das der Senatspräsident Schreber in seinen Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken festgehalten hat) ein durchaus logisches, in sich stimmiges Gebäude. In diesem Räderwerk der Triebe haust sich Fourier ein, beginnt er Menschen zu Leidenschaftsserien zusammenzufassen, beginnt er wiederum diese Serien zu kombinieren und zu rekombinieren - und bald ist seine Phantasie von orgaistisch ineinandergreifenden Menschen bevölkert: einer Gesellschaft, in der die Grenze zwischen Sex und Arbeit gleichsam verfließen. In diesem Sinne unterscheidet er sich ganz von Sade, der sozusagen sein dunkler, böser Zwilling ist.
Im Jahr 1812 stirbt seine Mutter - was ihm wiederum eine kleine Leibrente hinterlässt , die ein höchst bescheidenes Auskommen ermöglicht. Auf jeden Fall ist er damit in den Stand gesetzt, seinen Träumereien nachzuhängen. Während der 100 Tage-Herrschaft Napoleons nimmt er noch eine Stellung an. Er wird (merkwürdige Überkreuzung) von seinem Namensvetter Joseph Fourier, der sich wie er, nur als exakter Mathematiker, mit Harmonien beschäftigt, als Bürovorsteher der statistischen Abteilung der Lyoner Präfektur eingestellt.
Im Winter der Restauration zieht er sich aufs Land zurück, nach Talissieu in den Rhônes-Alpes, wo die Familie etwas Land besitzt. Hier beginnt er im Hause seiner Schwester zu schreiben, jenes großes, auf 8 Bände angelegte Werk, das er »Grand Traité« nennt. Der erste Schüler, oder eigentlich: der erste Jünger tritt auf den Plan, Just Muiron. Ansonsten passiert nicht viel, Fourier streitet sich mit seinen Nichten herum und wird aktives Mitglied der Akademie von Belley (einer Institution, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie nicht einmal mehr in den Annalen der Stadt aufzufinden ist).
Das Leben findet anderswo statt. In den Bergen der Rhône, im Zustand der Abgeschiedenheit, entsteht eine andere Welt: die Fouriersche Utopie. Diese Welt hat (da ist er seinem Prinzip des absoluten Zweifels und des absoluten Risses treu geblieben) nichts mit der Welt zu tun, die ihn umgibt. Selbst in der Welt der Utopien ist sie ohne Beispiel, hat weder vor oder nach ihm jemand eine solch merkwürdige Gesellschaft erdacht. Zwar soll die Phalanx, die das Grundmodul seiner Welt darstellt, nicht mehr als 1800 Menschen betragen, aber das Ziel ist nichts anderes als - der unendlicher, schrankenloser Genuss. Leidenschafts-Divisionen, infintesimale Begierden, die sich in Gruppenarbeit verfeinern, eine Parade der Genüsse. Das, was ihm vorschwebt, ist die Entfesselung der industriellen Gesellschaft - aber nicht im Sinne protestantischer Frugalität, sondern als Orgie, als Kurzschluss von Angebot und Nachfrage. Würde man im Traum eine solche Parallelwelt betreten, so wäre man in einem unserer heutigen Konsumtempel angelangt - nur dass es keine Händler, keine Käufer und Verkäufer mehr gibt, sondern dass die Handelnden, in einem wild Tanz, zu subtilen Genießern geworden sind.
Als die Grand Traité im Jahr 1819 erscheint, hat sich das Werk auf 3 Bände reduziert, vor allem aber ist der Kern seiner Lehre ausgelassen: Le nouveau monde amoureux, Die neue Liebeswelt, in der der Solitaire seine Libdidoökonomie ausarbeitet. Mag sein, dass der so frugal lebende Herr diesen Teil seines Denkens ausblendet wie mancher seine Liebesaffären mit dem Mantel der Diskretion bedeckt. Denn der Liebhaber der kleinen Lesbierinnen, der Blumen und der kleinen Törtchen, die man Mirliton nennt, lässt hier seinen Obsessionen freien Lauf. Mag sein, dass er selbst gewusst hat, welche Sprengkraft in diesen Passagen liegt. So liest sich das Werk, das erst in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts herausgegeben wird, wie eine mystische Verzückung, eine Parade grotesker Sehnsüchte, Verlockungen: als ob eine Art Heiliger Antonius versucht würde, nicht von geistigen, sondern von materiellen Genüssen. Das ist ja das Kennzeichnen der Fourierschen Mystik: ihr Gott ist materiell, ein Gott des Bauches, eine Instanz, die ewige Vergnügungen verheißt. Die Libido, die im Fourierschen Denken die primäre Energie ist, wird gleichsam auf ihren ›Gebrauchswert‹ hinterfragt.
Gleichwohl führt es dazu, dass das Fouriersche Denken seinen Zeitgenossen stets ein Rätsel bleiben wird. Geblieben ist der pragmatische, utilistarische Kern.
Die Jahre 1820-1821 verbringt er in Besançon, dann reist er mit der gesamten Auflage (1000 Exemplaren) nach Paris. Der Erfolg ist, wie beim ersten Versuch, mehr als bescheiden. Ein Paar Dutzend verkaufter Exemplare, 3 Rezensionen. Das ist alles. Und wieder folgen Jahre der Not. Nachdem er in Paris gescheitert ist, nachdem auch ein Versuch, sich als Makler niederzulassen, erfolglos geblieben ist, kehrt er 1825 nach Lyon zurück und nimmt eine Stelle als Kassierer in einem Handelshaus an. Jetzt aber, wie gesagt, hat er die ersten Jünger gefunden, und so kann er ein paar Monate bei seinem Schüler Gréa verbringen, um ein Buch vorzubereiten. Man könnte sagen: er belagert Paris, und es sind seine Träume, die auf die Stadt vorrücken. Aber als er, mit seinen Buchstabenheeren, im Januar 1826 dort ankommt, will sich kein Verleger finden. Also ist er genötigt, eine Anstellung bei einer amerikanischen Handelsfirma, Curtis & Lamb anzunehmen. Und wieder die Rückker nach Besançon. Wieder ein Scheitern. Und wieder ein Anlauf. Und tatsächlich gelingt es ihm im Jahr 1829 - bei seinem vierten Anlauf - in Paris Fuß zu fassen, auf die bescheidenste Weise, aber immerhin. Ein Buch erscheint: Le nouveau monde industriel et sociétaire, in dem seine Lehre, soweit sie zu veröffentlichen ist, die bis dahin klarste Formulierung findet. Und mit diesem Buch wird der Mann zur Gesellschaftsperson, breitet sich langsam die Fouriersche Utopie in den Köpfen aus. Zeitungen entstehen, Grabenkämpfe mit den rivalisierenden Utopisten brechen aus (mit den Saint-Simonisten, die zu ihm überlaufen, mit Owen), es kommt - in Fourierscher Manier - zur Parade der Eitelkeiten, des Wettstreits. Und Fourier, der seine heilige Lehre verteidigen will, ist mittendrin, eifernd. Als die École sociétaire, die seiner Lehre folgt und eine Zeitschrift herausgibt, im Departement Seine-et-Oise eine Versuchsphalanx gründen will, verwirft Fourier dieses Projekt als Karikatur seiner Lehre.
Gewiss: unterdessen ist er ein bekannter Mann, gefeiert geradezu. Ein Jahr vor seinem Tod, im Jahr 1836 gründen seine Schüler die Zeitschrit La Phalange, deren Galeonsfigur und spiritus mentor Fourier ist. Aber in dem Maße, in dem sich sein Denken vergesellschaftet, scheint Fourier selbst zu verschwinden. Zwar schreibt er gelegentliche Beiträge, Beiträge, in denen er die philosophischen Seiten seiner Lehre ausarbeiten darf, aber im Grunde handelt es sich hier um einen Gnadenakt, ist der Erfinder seinen Schülern und seiner Lehre längst lästig geworden. So wird er krank, verfeindet sich mit einigen seiner Schüler, zieht sich zurück-
Und der Rest? Es ist vielleicht kein Zufall, dass das wirkliche Leben Fouriers vor allem aus Mystifikationen besteht. Es wird erzählt, dass er, seit er sich in Paris endgültig niederließ, die Mittagsstunde täglich zu Hause verbrachte, in der Erwartung des Kandidaten, der ihm seine Versuchsphalanx finanzieren sollte. Eine andere Legende behauptet, er sei täglich zur Post gegangen, um die erwartete Offerte des Geldgebers zu empfangen, nach dem er, via Kleinanzeige, in der Zeitung gefahndet hatte. Gewiss ist, dass der Baron Rothschild, dem Fourier (seines Antisemitismus zum Trotz) ein Königreich Jerusalem versprach, nicht auf die großzügige Offerte einging. So besehen ist er der Philosoph der Kleinanzeige zu seinen Lebzeiten ein Unerhörter geblieben: eine Botschaft, die ihren Empfänger verpasst hat.
Und sein Erbe? Der Logik der Utopie gemäß, ist es allein das Nichtrealisierte, das zählt. Also das Papier, seine Träume. Nur dass Fourier der Nachwelt nur in zensierter Form überliefert worden ist. Marx und Engels beuten den Gebrauchswert seiner Lehre aus, adeln ihn als großen Vorläufer, als einen, der die Verhältnisse demaskiert und die Bigotterie der bürgerlichen Gesellschaft entlravt hat. Dabei sind sie selbst, nach den Schülern Fouriers, die Ersten, die die Anstößigkeit seiner Lehre dem industriellen Utilitarismus opfern. Was verschwindet, ist das luxurierende, moderne Element. In diesem Sinn ist der marxistische Gebrauchswert eine Art Mühlstein, der die Radikalität der Fourierschen Passionen, die Radikalität seiner Libidoökonomie unter sich begräbt.
So besehen ist es vielleicht kein Zufall, dass der ganze Text erst in der Überflussgesellschaft geborgen wird. Erst die Studenrevolte entdeckt das subversive Potential, begreift diesen Satz: Dass man die Stand einer Kultur an der Rolle abmessen lässt, die sie der Frau zuweist. In den Jahren der Studentenrevolte zündet, wenn man so will, die letzte Stufe des Fourierschen Himmelfahrtsprojekts.
Und seither? Schaut man sich um, so sieht man, dass die Fouriersche Logik tatsächlich in die Industrie eingezogen ist: denn überall sieht man Neigungsgruppen, Leidenschaftsserien, sieht man, wie die Werbung, aber auch die Medien uns die Parade der Genüsse präsentieren. Was auch immer die Ökonomen uns über den ›Stern der Knappheit‹ zu sagen haben, insgeheim weiß man doch, dass die Primärenergie des postmateriellen Gesellschaft die Libido ist: Sex sells. Und genau dies ist der Grund, sich mit den Phantasien eines Denkers zu beschäftigen, der all dies herbeiphantasiert hat.
Martin Burckhardt