In diesem kleinen Text klärt de Maistre darüber auf, a) wie man Bücher beurteilt, ohne sie gelesen zu haben”, und b) warum Bücher, die niemand gelesen hat, gleichwohl eine unglaubliche Reputation erringen können.
[Ein *pdf-Druckfassung des Kapitels, das de Maistres “Vom Papst” entnommen ist, findet sich hier.]
Joseph de Maistre
Schicksal der Bücher
Der Herzog: Was Seneca über die Menschen sagt, ist vielleicht noch sehr viel wahrer, was die Monumente ihres Geistes anbelangt. Die einen haben das Ansehen und die anderen haben es verdient. Wenn die Bücher unter günstigen Umständen erscheinen, wenn sie die großen Leidenschaften berühren, wenn sie den Proselyten-Fanatismus einer zahlreichen und umtriebigen Sekte hinter sich haben oder, was häufig passiert, die Gunst einer mächtigen Nation, dann ist ihr Glück gemacht: die Reputation der Bücher (wenn man einmal die der Mathematiker ausnimmt) hängt weniger von ihrem inneren Wert als von äußeren Umständen ab, an deren Spitze ich (wie ich Ihnen noch erläutern werde) die Stärke einer Nation stelle, die ihren Autor hervorgebracht hat. Wenn ein Mann wie P. Kircher zum Beispiel in Paris oder in London geboren worden wäre, so wäre seine Büste überall zu sehen, und dies würde belegen, dass er bekannt ist. Solange ein Buch, wenn ich mich so ausdrücken darf, nicht von einer einflussreichen Nation vorangetrieben wird, kann das Buch es überhaupt nur zu einem sehr mittelmäßigen Erfolg bringen - ich könnte hundert Beispiele geben. Urteilen Sie nach diesen Betrachtungen, die mir eine greifbare Wahrheit scheinen, und Sie werden sehen, dass Locke in seiner Person alle erdenklichen Vorteile vereinigt hat. Sprechen wir zunächst von seinem Vaterland: Er war Engländer, und England war es beschieden, in allen Epochen zu brillieren. Beschränken wir uns für den Moment jedoch nur auf den Anfang des 18. Jahrhunderts. Was für eine Zeit für seine Schriftsteller! Locke hat davon profitiert. Denn seine Minderwertigkeit ist so ausgeprägt, dass er keinesfalls Erfolg gehabt hätte, wenn nicht die Umstände ihm so günstig gewesen wären. Der menschliche Geist, durch den Protestantismus hinreichend prädestiniert, beginnt sich über seine eigene Ängstlichkeit zu entrüsten, und bereitet sich kühn darauf vor, all die Konsequenzen zu ziehen, die in den Prinzipien des 16. Jahrhunderts angelegt sind. Eine furchtbare Sekte beginnt sich an seiner Seite zu organisieren; dabei kommt ihr glücklich zupass, dass ein Buch, das von einem ehrenwerten Mann, ja einem vernünftigen Christen verfasst worden ist, in dem die Keime der gemeinsten und abscheulichsten Philosophie von einer verdienten Reputation überdeckt sind, in weise Formen gekleidet und je nach Bedarf von Stellen aus der Heiligen Schrift flankiert werden. Das Genie des Bösen konnte diese Gabe also nur wie einen von einem abgespaltenen Volksstamm empfangen, denn dieses perfide Amalgam ist, in Jerusalem, entweder durch eine wachsame und unerbittliche Religion angeklagt oder gebrandmarkt worden. Das Buch entstand also, wo es hätte entspringen sollen, und ging aus einer Hand hervor, die geschaffen war, um die gefährlichsten Ansichten zu befriedigen. Mit gutem Recht erfreute sich Locke der universellen Anerkennung. Er nannte sich Christ, obwohl er dem Christentum nur seine Gewalt und seine Vorurteile zuschrieb, und der erbaulichste Tod kam, um ein weises und arbeitsreiches Leben zu beenden. Wie mussten sich die Verschwörer freuen, einen solchen Mann all die Prinzipien, derer sie bedurften, vorbringen und aus einem Taktgefühl des Gewissens heraus den Materialismus favorisieren zu sehen! Sie stürzten sich also auf seinen unglückseligen Essay* [An Essay Concerning Human Understanding] und verliehen ihm einen Wert, mit einem Eifer, den man nicht beschreiben kann, wenn man ihn nicht erlebt hat. Ich erinnere mich, dass ich vor einem der erbittertsten Atheisten, den es je gegeben hat, zurückgeschreckt bin, der jungen und unglückseligen Leuten die Lektüre einer Lockeschen Kurzfassung anempfahl, einer sozusagen konzentrierten Fassung, die aus einer italienischen Feder stammte, die auf eine angemessenere Weise ihrer Berufung hätte folgen können. Lest das, sagte er mit Enthusiasmus, lest das und lernt es auswendig; er hätte, wie Madame von Sévigné zu sagen beliebte, es ihnen in Brühwürfeln geben können. Es gibt eine sichere Regel, nach der man Menschen wie Bücher beurteilen kann, selbst ohne sie zu kennen. Es reicht aus, zu wissen, von wem sie geliebt und von wem sie gehasst werden. Diese Regel geht niemals daneben, und ich habe Sie Ihnen schon einmal in Hinsicht auf Bacon empfohlen. Sobald Sie ihn von den Enzyklopädisten zur Mode erhoben sehen, von einem Atheisten übersetzt und gepriesen vom Sturzbach der Philosophen des letzten Jahrhunderts, können Sie versichert sein, auch ohne weitere Kenntnis, dass seine Philosophie zumindest in ihren Grundzügen falsch und gefährlich ist. Wenn Sie, aus einem entgegengesetzten Grund, die gleichen Philosophen, verärgert über einige seiner Ideen, sich entrüsten sehen, wenn sie versuchen, ihn in den Schatten zu stellen, seine Schriften zu verstümmeln oder gar zu verfälschen, so können sie sicher sein, und abermals ohne weitere Prüfung, dass diese Werke Bacons zahlreiche und großartige Ausnahmen darstellen, die sie vom allgemeinen Vorwurf, den man ihnen machen kann, befreien. Aber glauben Sie nicht, dass ich irgendeinen Vergleich zwischen diesen beiden Männern herstellen will. Bacon, als Moralist, ja, in gewissem Sinne selbst als Schriftsteller, hätte stets das Recht auf die Verehrung der Kenner, wohingegen Der Versuch über den menschlichen Verstand, ob man mit ihm übereinstimmt oder nicht, mit Sicherheit etwas ist, was nur der absolute Mangel an Genie und Stil hervorbringen kann.
Wenn Locke, der ein sehr ehrenwerter Mann war, auf die Welt zurückkäme, so würde er bittere Tränen über seine Irrtümer vergießen, die, auf französische Art noch verschärft, zum Unglück einer ganzen Generation geworden sind. Seht Ihr nicht, dass Gott diese niederträchtige Philosophie geächtet hat und dass ihm beliebt hat, ihr sichtbar sein Anathema entgegenzuschleudern? Blättern Sie die Bücher seiner Nachahmer durch, und Sie werden dort keine Zeile finden, an die sich Geschmack und Tugend zu erinnern wagen. Sie ist der Tod aller Religion, allen Feingefühls, aller sublimen Begeisterung: jeder Familienvater sollte darüber in Kenntnis gesetzt werden, dass man, wenn man derlei unter seinem Dach beherbergt, man sozusagen alles Leben herausjagt, denn keine Hitze vermag diesem eisigen Hauch standzuhalten.
Um jedoch auf das Schicksal der Bücher zurückzukommen, so kann man dies genau wie das der Menschen erklären: beide haben ein Schicksal, das ein wahrer Fluch ist, und das nichts mit dem Verdienst gemein hat. Infolgedessen, meine Herren, beweist der Erfolg allein nichts. Hüten Sie sich vor allem vor einem Vorurteil, das natürlich sehr verbreitet, nichtsdestoweniger falsch ist: zu glauben, dass das große Ansehen eines Buches auf einer allgemeinen und vernünftigen Kenntnis eben dieses Buches beruhe. Dies ist, wie ich Ihnen versichern kann, keineswegs der Fall. Die überwältigende Mehrheit urteilt und vermag nur über Schlagworte zu urteilen, und eine kleine Zahl ist von vornherein auf eine bestimmte Meinung abonniert. Sie sterben, und diese Meinung überlebt sie noch. Neuerscheinende Bücher lassen ihnen nicht die Zeit, die alten zu lesen; und bald sind diese nur aufgrund einer vagen Reputation beurteilt, die sich auf einige allgemeine Charakterzüge gründet oder auf einige oberflächliche Analogien, die mitunter einfach bloß falsch sind. Vor nicht langer Zeit hat ein exzellenter Kenner, der jedoch nur beurteilen konnte, was er kannte, gesagt, dass das antike Talent, das demjenigen Bossuets am meisten ähnele, das des Demosthenes sei. Nun findet sich jedoch, dass diese beiden unterschiedlichen Redner, die sich voneinander unterscheiden wie sonst zwei Dinge irgendeiner Art (zwei Blumen beispielsweise), deutlich voneinander abweichen; freilich hat man sein ganzes Leben lang sagen hören, dass Demosthenes donnerte, und dass auch Bossuet donnerte - und nichts ähnelt einem Donner so sehr wie ein anderer Donner etc. Hier sieht man, wie sich Urteile bilden. Hat La Harpe [franz. Kritiker] nicht ausdrücklich gesagt, dass das Ziel des ganzen Buches vom »Versuch über den menschlichen Verstand« darin besteht, zu beweisen, dass der Verstand geistförmig ist und wesensmäßig von der Materie unterschieden? Hat er des weiteren nicht behauptet, Locke, Clarke, Leibniz, Fénelon hätten diese Wahrheit (die Unterscheidung der beiden Substanzen) zugegeben. Können Sie einen klareren Beweis dafür verlangen, dass dieser gefeierte Literat Locke nicht gelesen hat? Und können Sie sich auch nur vorstellen, dass er sich (was durchaus komisch ist) den Tort angetan hat, sich einer so guten Gesellschaft einzuschreiben, wenn man ihn dabei hat beobachten können, wie er die Ressourcen seiner extrem schikanösen Dialektik verausgabt, um auf irgendeine Weise den Gedanken der Materie zuzuordnen? Sie haben Voltaire uns sagen hören: Locke, mit seinem großen Sinn, hört nicht auf uns einzubläuen: Definiert! Ich aber frage Sie noch einmal: Hätte Voltaire dem englischen Philosophen diese Eloge gehalten, wenn er gewusst hätte, dass Locke besonders seiner Definitionen wegen lächerlich ist, die allesamt bloß weitschweifige Tautologien sind? Der gleiche Voltaire sagt uns noch, in einem wahrhaft frevlerischen Werk, dass Locke der Pascal Englands ist. Sie bezichtigen mich nicht, wie ich hoffe, einer zärtlichen Vorliebe für François Arouet [d.i. Voltaire]. Ich halte ihn für einen ebenso leichtgewichtigen, böswilligen und schlechten Franzosen, wie man es sich nur denken kann. Dennoch würde ich niemals glauben, dass ein Mann mit soviel Geschmack und Takt sich diesen extravaganten Vergleich erlaubt hätte, wenn er auf sein eigenes Urteil gebaut hätte. Was also nun? Der langweilige Autor des »Versuchs über den menschlichen Verstand«, dessen Verdienst in der Vernunftphilosophie sich darauf reduziert, uns mit der Eloquenz eines Almanachs das aufzubürden, was alle Welt weiß und was niemand nötig hat zu wissen, und der in den Wissenschaften vollkommen unbekannt geblieben wäre, wenn er nicht entdeckt hätte, dass sich der Einfluss an der Masse bemisst - ein solcher Mann, wohlgemerkt, wird Pascal an die Seite gestellt! Pascal, der schon mit dreißig ein großer Mann war: Physiker, ausgezeichneter Mathematiker, ein sublimer Apologet, großartiger Polemiker, und jetzt im Begriff, auf das Unterhaltsamste verleumdet zu werden. Ein tiefer Denker, in einem Wort: ein seltener Mensch, der selbst unter allen erdenklichen Schmerzen seine außergewöhnlichen Talente niemals erlöschen ließ. Eine solche Parallelsetzung jedoch gestattet uns nicht anzunehmen, dass Voltaire selbst eine persönliche Kenntnis des Versuchs über den menschlichen Verstand gehabt hätte. Fügen wir hinzu, dass die französischen Literaten des letzten Jahrhunderts nur wenig gelesen haben, zunächst weil sie ein sehr zerstreutes Leben führten, dann weil sie selber viel schrieben und zuletzt, weil der Stolz es Ihnen kaum gestattete, zuzugeben, dass sie die Gedanken anderer nötig hätten. Solche Leute hatten anderes zu tun als Locke zu lesen. Ich habe gute Gründe für die Annahme, dass er im Allgemeinen nicht einmal von denen gelesen wurde, die ihn rühmen und zitieren, ja, die die Dreistigkeit besitzen, ihn noch zu erläutern. Es ist ein großer Irrtum anzunehmen, dass, wenn man ein Buch zitiert und sich den überzeugenden Anschein geben kann, mit Sachkenntnis darüber zu sprechen, man es gelesen haben muss, in Gänze und mit Aufmerksamkeit. Man liest die Passage oder die Zeile, die man braucht; man liest einen Abschnitt des Indexes, im Glauben, dass ein Index die Passage herauslöst, die man braucht, um eine Stütze für die eigenen Ideen zu finden - und das ist alles, was man will. Warum sich noch um den Rest bekümmern? Es gibt auch eine Kunst, jene zum Sprechen zu bringen, die gelesen haben - und hier sehen Sie, wie es möglich ist, dass die Bücher, die in aller Munde sind, zugleich diejenigen sind, die am wenigsten gelesen worden sind. Aufgrund dieser so großen, aber so wenig begründeten Reputation wird ein Tag kommen (und vielleicht ist er nicht fern), wo Locke einmütig der Zahl der Schriftsteller zugerechnet wird, die den Menschen das größte Übel angetan haben. Ungeachtet aller Vorwürfe, die ich ihm gemacht habe, habe ich nur einen Teil seiner Schuld berührt, und vielleicht den geringsten. Nachdem er die Fundamente einer falschen und gefährlichen Philosophie gelegt hatte, hat sein fataler Geist ihn in die Politik geschickt, mit einem Erfolg, der nicht minder beklagenswert ist. Er hat sich über den Ursprung der Gesetze ebenso miserabel geäußert wie über den der Ideen - aber hat in diesem Punkt die Prinzipien etabliert, deren Folgen wir nun zu Gesicht bekommen. Diese schrecklichen Keime hätten in aller Stille in der Kälte seines Stils verkümmern sollen. Aber im Dreck der Pariser Straßen genährt, ist aus ihnen das revolutionäre Monster erwachsen, das Europa verschlungen hat.
(Die Abende von Sankt-Petersburg. Sechste Unterhaltung)